Ein zusammenfassender Text aus dem Jahr 2040
In den ersten Jahrzenten des 21. Jahrhunderts verfolgte Europa seine Politik zur Sicherung eines territorial, politisch, ökonomisch und kulturell einheitlichen Raumes weiter. Das Bewusstsein einer supranationalen Identität wurde geschärft, die Asylgesetze wurden restriktiver, und illegale Einwanderung über die (para-) militärisch geschützten Grenzen so gut wie beseitigt.
Anfang der 30er Jahre unseres Jahrhunderts, als Europa sich als Leitkultur durchgesetzt hatte und das gesellschaftliche Leben florierte, geschah eine alles verändernde Zäsur: die Europäische Atomgemeinschaft (EURATOM) kam ihrem Plan nach, ein geeignetes europäisches Endlager mit bisher nie da gewesener Kapazität für nukleare Abfälle in Betrieb zu nehmen. Kontinuierlich wurden die bis dato bestehenden Zwischenlager ausgehoben, sowie neu anfallender Nuklearabfall zum EFS 1 (European Final Storage 1) transportiert.
Bei der Einlagerung in einen der drei Stollen kam es im Herbst 2031 zu einem Unfall, dessen Ausmaß von den zuständigen Nuklearingenieuren niemals erahnt worden wäre. Durch die Explosion gelangte radioaktives Material in die Atmosphäre und verseuchte das Grund- und Oberflächenwasser weiter Gebiete. Als die ersten Notfallsmaßnahmen ergriffen wurden, erkannte man schnell, dass die Kapazität an staatlichen Einsatzkräften nicht ausreichend war, um der Situation gerecht zu werden. So appellierte man an die zivile Bevölkerung zur freiwilligen Unterstützung bei der Dekontamination.
Während sich die Aufräumarbeiten langsam erstreckten, nicht zuletzt aufgrund der geringen Beteiligung der Bevölkerung, die sich mehrheitlich in ihren Heimen verbarrikadierte, war die unterirdische Kontamination durch das unaufhaltsame Eindringen radioaktiven Materials in das Grundwassersystem weitaus gravierender.
Nach Monaten wurde festgestellt, dass 60% der Bevölkerung Europas schwer verstrahlt worden waren; ein großer Teil der Bevölkerung beschloss daraufhin zu emigrieren, um adäquate medizinische Behandlung zu erhalten (die Europäische Union war aufgrund der Dimension der Katastrophe medizinisch überfordert), wie auch um längerfristig eine Zukunftsperspektive zu sichern.
Die Emigrationswelle wurde enorm, und die umgrenzenden Staaten sahen sich aus Sicherheitsgründen gezwungen, den Grenzverkehr mit Ausnahme von Hilfslieferungen zu stoppen, bis eine vernünftige Regelung für das Kontaminationsproblem gefunden werden konnte. Diese europäisch-humanitäre Krise führte zur Inflation des Euro, der europäische Außenmarkt brach innerhalb eines Jahres zusammen. Ende 2032 waren alle internationalen Handelsbeziehungen zum Erliegen gekommen. Die Vertreter von Indien, Afrika, China, Australien und Amerika trafen zu Sondergipfeln zusammen, um einen 45-Punkte-Maßnahmenplan für die neue Situation zu beschließen. Neben humanitären Sofortmaßnahmen wie medizinischen Hilfsprojekten sollte die Wirtschaft wieder stabilisiert werden. UN-Sicherheitstruppen wurden für die Grenzsicherung Europas bestellt, wie auch zur Unterstützung der Sicherheit und zur Wiederaufbereitung der nuklear verseuchten Gebiete innerhalb der geschlossenen Zone. Zur Gewährleistung der internationalen Sicherheit wird das Ausreiseverbot noch immer aufrechterhalten.
Von den Gebieten der Andalusischen Halbinsel bis ins ehemalige Deutschland ist nach der 2035 proklamierten Abkehr vom Materialismus in Gestalt der Abschaffung des Privateigentums ein langsamer Sinneswandel daran, sich durchzusetzen. Eine regional gegliederte Basisdemokratie innerhalb ruraler Lebensumstände in einer geldfreien Gesellschaft ist das idealistische Ziel der Bevölkerung; durch den Handelszusammenbruch 2032 wurden die Medienkonzerne entmachtet und die elektronischen Massenmedien verloren mit der weitgehenden Entelektrifizierung an Bedeutung. Die Herstellung von Druckwerken war aufgrund der zumeist verlorenen Technologie auf eine winzige Gruppe ausgebildeter Handwerker beschränkt, die ausschließlich ihrem Konzept genügende Texte veröffentlichten, was den Grund für die enorme Verbreitung quasianarchistischen Gedankengutes darstellte. Universitäten wurden geschlossen, es wird heute über die Abschaffung der Schulpflicht zugunsten von freier Ausbildung in allen Lebensbereichen diskutiert. Klöster von immigrierten Religionen erfreuen sich regen Zulaufs, Religion nimmt im allgemeinen Leben einen nicht unerheblichen Stellenwert ein. Erste Religionskriege sind aus unserer Sicht zu erwarten.
Berichte aus den Gebieten zeigen ein von Armut und bunter Zufriedenheit zeugendes Bild, wie es der ehemals arme Kontinent Indien im letzten Jahrhundert bot.
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